Molly Hatchet

Molly Hatchet gilt als eines der Aushängeschilder des klassischen Südstaaten-Rock, und das seit Jahren. Nach Hochs und Tiefs in ihrer Karriere meldeten sie sich dieses Jahr mit dem Album „Justice“ in eindrücklicher Weise zurück. Das ist zwar nicht ganz korrekt ausgedrückt, denn aufgehört hatten sie nicht. Es dauerte bloss fünf Jahre seit dem letzten Album. Bei ihrem Auftritt in Zürich konnten wir uns mit dem Kopf der Band, Bobby Ingram, unterhalten.

„Ich habe einen kranken Gitarristen, der im Bett liegt“ waren die Worte des Tourmanagers kurz nach der Begrüssung. Das deutete eher auf eine Absage des Interviewtermins hin. „Aber Bobby möchte den Kontakt zu der Presse behalten und würde nach dem Gig das Interview gerne noch machen. Jetzt möchte er für das Konzert möglichst fit werden“. Da wir aber auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen waren, passte uns das nicht ins Programm. Michael, der Tourmanager, nahm diese Bemerkung offenbar ernst, denn kurz vor 20 Uhr läutete das Mobile und er informierte uns, dass Bobby jetzt bereit sei für ein Interview. Wir bestiegen also den Tourbus es konnte losgehen. Es sollte eines der kuriosesten Interviews meiner Laufbahn werden.

Nach einer richtig amerikanischen, überschwänglichen Begrüssung seinerseits und Dankesworte, dass wir hier sind, gab es dann doch eine kleine Pause, in welcher ich meine erste Frage stellen konnte.

Metalswitzerland (MS): Im Sommer erschien das aktuelle Album „Justice“ und seither seid ihr auf Tour. Wie läuft es bis jetzt?
Bobby Ingram (BI): Fantastisch. Das Album erschien im Juni und wir sind seither auf Tour. Wir werden jetzt noch etwa 14 Monate touren und dann mit den Aufnahmen des nächsten Albums beginnen. „Justice“ ist das erste echte Konzeptalbum der Band. Gerechtigkeit (Justice) sollte es überall geben. In der Politik, Religion, bei allen Menschen – es ist überall, oder eben auch nicht. Auf dem ganzen Album geht es um dieses Thema. In der Nachbarschaft in der ich wohne, wurde ein siebenjähriges Mädchen brutal ermordet und im Müll entsorgt. Ich kannte die Familie und sie hatten wirklich kein Geld um eine ordentliche Beerdigung zu organisieren. Wir wurden angefragt, ob wir helfen können und waren sofort dabei. Ich war damals an einen Tiefpunkt angelangt. Meine Frau verstarb während den Aufnahmen des letzten Albums und ich stand alleine da. Ich habe keine Kinder und meine Eltern sind auch von uns gegangen. Es sind keine Verwandten mehr da und ich wollte eigentlich gar nichts mehr machen, nicht mal neue Songs aufnehmen. Dann kam diese Sache mit Somer Thompson. Wir haben als Band geholfen und bei mir ging es wieder bergauf. Durch die Tatsache, dass ich jemandem helfen konnte ging es auch mir wieder besser. Ich wurde quasi durch Hilfe an anderen geheilt. Den Mörder haben sie zum Glück auch gefasst. Er sitzt jetzt im Gefängnis und wartet hoffentlich auf seine Todesstrafe. Auf der CD wird der Song „Fly on wings of angels“ von Somers Schwester Abigail gesungen. Es war ihr Lieblingssong und die ganze CD ist dem ermordeten Mädchen gewidmet. Justice for Somer means justice for children!“

Man merkte zu diesem Zeitpunkt, dass er den Tränen nahe war und somit musste versucht werden, das Thema in eine andere Richtung zu lenken.

MS: Auffallend bei Molly Hatchet ist die Tatsache, dass die ersten sechs Alben bei Epic erschienen, danach vier Alben bei verschiedenen Labels und jetzt doch wieder mal zwei bei dem gleichen Label, Steamhammer – SPV. Heisst das, dass ihr hiermit einen längerfristigen Vertrag habt?
BI: Es war Olly Hahn von SPV der die Band wirklich zusammen gehalten hat. SPV hat immer einen phänomenalen Job gemacht und Dank ihnen und den Fans sind wir noch stark unterwegs. Die Sachen laufen gut. Im Moment ist es eine harte Zeit für Labels mit den illegalen Downloads und so. SPV hat uns geholfen und da bleiben wir ihnen sicher auch treu. Molly Hatchet ist nicht mehr einfach ein Band. Wir sind jetzt eine Firma bei der es auch um viel Geld geht. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht und nehme keine Drogen, so was könnte ich mir gar nicht leisten. Wir haben alle viel mehr Verantwortung als früher. Seit über 30 Jahren waren die Fans loyal zu uns und wir zu ihnen. Das ist Gerechtigkeit. Und das ist wahrlich ein gutes Thema, das wir auf dem Album verarbeitet haben  Die Menschen müssen einander helfen.

Molly Hatchet

MS: Molly Hatchet hatte in der Vergangenheit sehr viele Line-Up Wechsel und mit Dave Hlubek ist ein Gründungsmitglied auch wieder dabei. Ist das das Line-Up auch für die Zukunft?
BI: Da bin ich überzeugt davon. Es hat noch nie so lange ein festes Line-Up gegeben wie jetzt und es ist allen wohl dabei. Wir werden so weiter machen.

MS: Anfangs erwähntest du mal, dass ihr jetzt weitere 14 Monate auf Tour sein werdet. Aber was meiner Meinung fehlt, ist ein Abstecher nach England. Aus welchem Grund lasst ihr beim Touren diese Hochburg der guten Musik aus?
BI: Wir würden gerne wieder mal nach England gehen und das werden wir sicher auch machen. Vage mag ich mich erinnern, dass wir mal Probleme hatten mit der Einreise oder Arbeitsbewilligungen. Das kann ich nicht mehr genau sagen. Wir haben früher mal an Bikers Feste gespielt und die waren so wild, dass wir das wahrscheinlich eher nicht mehr machen würden. Einfach eine normale Venue-Tour wäre aber sicherlich ganz toll. Es ist geplant, aber mehr weiss ich dazu auch noch nicht. Hingegen sind die Biker Shows in Deutschland der absolute Wahnsinn – just over the top.

MS: Auf dem letzten Song der aktuellen CD „Justice“, dem Titelsong, erinnert mich die Gitarre phasenweise an Iron Maiden, die ja mit dem Titel „The last frontier“ unbewusst Gerüchte zum Ende der Band in die Welt setzten. Der letzte Track eurer CD hört mit einem gewaltigen Donnerschlag auf. Was hat das zu bedeuten?
BI: Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Möglicherweise könnte man das so interpretieren, dass es der letzte Donner war. Aber nein, wir machen weiter. Ganz sicher.

Zwischenzeitlich hatte der Tourmanager bereits drei Mal angeklopft und Bobby gemahnt er solle die Zeit nicht vergessen. Bald ging es auf die Bühne. Am Anfang die Nachricht, dass Bobby krank im Bett oder Schlafkoje lag, danach ein extrem gesprächiger, gut gelaunter Bobby am Tisch des Tourbusses. Die schnellste Genesung seit Erfindung des Südstaaten-Rocks. Wir wurden Zeugen eines Wunders.

Kurz danach betraten die Mannen von Molly Hatchet die Bühne und legten los. Etwa 200-300 Besucher hatten sich im Dynamo eingefunden. Neben alten Hits wurden auch Songs des aktuellen Longplayers gespielt, aber der Funke schien nicht richtig auf das Publikum rüber zu springen. Bis auf die ganz eingefleischten Fans blieb es eher ruhig. So auch die Bewegung auf der Bühne. Aber das war zu erwarten bei so vielen Jahren und Kilogrammen die da standen. Ihr Handwerk, gute Songs zu schreiben und auch live vorzutragen, hat die Band aber keineswegs verloren. Leider scheint es einfach so, dass dieser Sound nicht mehr ganz zeitgemäss ist oder die Fans von früher sich den Sound lieber zu Hause ab CD reinziehen. Trotzdem hat es ordentlich gefegt im Dynamo und der Grossteil des Publikums verliess den Saal nach dem Konzert mit zufriedener Miene.

Keith/Christina

www.mollyhatchet.com
www.somerthompsonfoundation.com